

Vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ist für viele geflüchtete Menschen noch immer kein Ende in Sicht. Während der Krieg anhält und die Ukraine weiterhin unter massiven Zerstörungen und Ausfällen der zivilen Infrastruktur leidet, spitzt sich auch die Situation der Vertriebenen Menschen in Österreich zu – besonders in Wien. Ausschlaggebend dafür sind fehlende Aufnahmekapazitäten sowie die Schließung der Anlaufstelle des Erstankunftszentrums im 13. Bezirk für neu ankommende Ukrainer:innen. Davon betroffen sind nicht nur die Geflüchteten selbst, sondern auch zahlreiche Organisationen und Initiativen, die mit begrenzten Ressourcen Unterstützung leisten, darunter auch unser Verein Tralalobe.
„Wer heute in Wien ankommt, hat oft keine Übernachtungsmöglichkeit, wenn sich die Person kein Bett in einer Pension leisten kann“, fasst Andreas Diendorfer, Geschäftsführer von Tralalobe, die aktuelle Lage zusammen. Betroffene können sich von Montag bis Freitag zwischen 8 und 15 Uhr an die Anlaufstelle für vertriebene Menschen aus der Ukraine in der Graumanngasse wenden. Voraussetzung dafür ist eine vorherige polizeiliche Registrierung, um einen Grundversorgungsplatz in einem Bundesland außerhalb Wiens zu erhalten. Wien übernimmt derzeit keine neuen Personen mehr in die Grundversorgung. „Die Verteilung von Geflüchteten und Vertriebenen in der Grundversorgung ist in Österreich sehr ungleich. Wien übererfüllt die Quote deutlich, während andere Bundesländer klar darunter bleiben“, so Diendorfer.
Vermittlungen in andere Bundesländer scheitern insbesondere dann, wenn Menschen nicht in bestehende Betreuungssysteme passen. In vielen Bundesländern fehlen Angebote für Personen mit besonderen Bedürfnissen. Zum Beispiel geraten transidente Personen immer wieder in akute Notlagen, da es an geschütztem Wohnraum in den Bundesländern fehlt. „Es geht hier nicht um große Zahlen, sondern um reale Menschen in existenziellen Krisen“, betont Diendorfer.
Auch in den Einrichtungen von Tralalobe zeigt sich der anhaltend hohe Bedarf. In den Häusern für minderjährige Mädchen und Burschen steigt die Zahl der Kinder aus der Ukraine kontinuierlich. In der Grundversorgung für Erwachsene stellen Ukrainer:innen mittlerweile rund zwei Drittel der Bewohner:innen. Viele davon sind Senior:innen mit medizinischem Betreuungsbedarf. Gleichzeitig nimmt die Zahl kriegsversehrter Männer zu, deren Versorgung zusätzliche Ressourcen erfordert.
Für Personen im erwerbsfähigen Alter bleibt die Arbeitsmarktintegration ein wichtiger Weg zur Selbsterhaltungsfähigkeit. Doch auch hier fehlen tragfähige Übergangslösungen. Tralalobe betreibt mit der Beratungsstelle BRAVE derzeit das einzige spezifische Angebot dieser Art für Ukrainer:innen in Wien. In Kooperation mit Partner:innen wie der ÖBB, bei Jobdays in verschiedenen Unternehmen oder in von Tralalobe entwickelten Ausbildungsformaten werden Menschen begleitet, die dem Arbeitsmarkt grundsätzlich zur Verfügung stehen. „Sobald jemand Arbeit findet und ein entsprechendes Einkommen erzielt, muss die Person die Grundversorgung verlassen“, erklärt Diendorfer. „Rücklagen für die Anmietung der ersten eigenen Wohnung zu bilden und so einen Übergang zu organisieren, ist praktisch unmöglich.“
Der vorübergehende Schutzstatus für Vertriebene aus der Ukraine wurde bis ins Frühjahr 2027 verlängert. Doch grundlegende Fragen bleiben unbeantwortet: Wie lange sollen ältere Menschen, die dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen, in der Grundversorgung bleiben? Warum gibt es keine tragfähigen Alternativen, etwa den Übergang in die Sozialhilfe? „Es hat sich wenig verbessert – vieles ist sogar noch schwieriger geworden“, so Diendorfer. Die Situation in der Ukraine selbst verschärft den Druck zusätzlich: In vielen Regionen fallen Strom und Heizung regelmässig aus. Eine sichere Rückkehr ist für viele Betroffene derzeit nicht möglich. „Wien bekennt sich zu den Menschenrechten und gilt international als Vorbild“, betont Diendorfer. „Das sollte auch in Zeiten knapper Budgets so bleiben. Wir tragen gemeinsam Verantwortung, Menschen, die von Krieg und Obdachlosigkeit bedroht sind, unnötige Härten in einer ohnehin extrem schwierigen Lebenssituation zu ersparen.“